Kategorie-Archiv: Kirchenführung

EKD-Synode: Kein Spiegel der Gesellschaft

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Eine lange Tradition: Namhafte Politiker in hohen evangelischen Funktionen. Jetzt: Irmgard Schwaetzer, Foto: Engelbert Reineke (1991)

Wer entscheidet da eigentlich diese Woche in der EKD-Synode über das „Familienpapier“ der evangelischen Kirchen? Es sind Theologen und Juristen. Und wer regelt das kirchliche Arbeitsrecht neu? Das entscheiden die kirchlichen Personalleiter und ihre Justiziare. Ein Querschnitt der Betroffenen ist es jedenfalls nicht. Das ist, nur leicht zugespitzt, das Ergebnis einer demographischen Analyse des höchsten Gremiums der Evangelischen Kirche in Deutschland, die gegenwärtig in Düsseldorf tagt.

Demnach sind 59 der 124 auf der EKD-Website genannten Synodenmitglieder TheologInnen, die entweder direkt im Dienst der Kirche stehen (bzw. standen) oder an Hochschulen lehren, also von der Kirche – als Unternehmen, nicht als Seelsorgeanbieter – sozialisiert und abhängig sind. Hinzu kommen weitere (mindestens) sechs, die bei der Kirche arbeiten und mindestens zwei, bei denen erkennbar ist, dass sie die Kirche zu ihren Kunden zählen. Weiterlesen

Die Macht aus dem Beichtstuhl

Beichte in der Wallfahrtskirche von Swieta Lipka, Masuren, Foto: Ulli Schauen

Beichte in der Wallfahrtskirche von Swieta Lipka, Masuren, Foto: Ulli Schauen

Es geschieht im Beichtstuhl. Hier bezieht die Institution Kirche ständig ihre Selbstbestätigung, hier behalten die Geistlichen Recht, hier schöpfen sie weitere Motivation für ihre Arbeit.

Auch wenn nur noch eine Minderheit der Katholiken zur Beichte geht, so beweist diese Minderheit den Priestern und ihrem System permanent: Der Mensch ist schlecht. Der Mensch braucht die Kirche. Weiterlesen

Bischöfe revidieren – ganz leise – ihre Datensammelwut

bisheriges Anmeldeformular der Bischöfe im Web

bisheriges Anmeldeformular der Bischöfe im Web

Ganz heimlich still und leise hat die Deutsche Bischofskonferenz ihre Datensammelwut im Zusammenhang mit dem Besuch des Papstes in Deutschland zurück gefahren. Natürlich hat es nichts mit meiner Berichterstattung zu tun,  sagt  jedenfalls ihr Sprecher Matthias Kopp. Und hätte nicht die Katholische Nachrichtenagentur in der Woche nach unseren Berichten nachgefragt, was es mit der Datensammlung auf sich hat, hätte niemand was gemerkt.

Mittlerweile werden die beiden Felder für Geburtsdatum und Geburtsort nicht mehr erhoben. Nachträglich erhielten rund 200.000 Besteller von Einlasskarten per Email die Belehrung,  dass sie der Weitergabe ihrer Daten an die Polizei widersprechen können. Und vor einigen Tagen vom Bistum Erfurt verschickten Einlasskarten für die Messe auf dem Eichsfeld erhalten überhaupt keine persönlichen Daten mehr – sie sind also nicht personalisiert.  Die angebliche Notwendigkeit, den Namen jeder Person zu kennen, die sich bei einer Papstmesse aufhält, hat sich also in Luft aufgelöst, im Rahmen eines, wie Matthias Kopp es nennt, dauernden Prozesses der Optimierung.

Im jederzeitigen Rechthaben hat die katholische Kirche Routine. Fehler wurden nicht gemacht. Also wurden sie auch nicht korrigiert…

Internen Emails zufolge sollten die zur Personalisierung erhobenen Daten von Geburtsdatum und -ort am 26. Juli gelöscht. Auf der Website papst-in-deutschland.de werden Anmelder nun gebeten, sich in Datenschutzfragen an nur noch eine Mailanschrift zu wenden, hinter der sich anscheinend die Datenschutzbeauftragte des Verbandes der deutschen Diözesen, Martina Burke, verbirgt.

Und er regt sich doch (ein bisschen)

neues Papstmedaillon aus den Andenkenläden des Vatikan

neues Papstmedaillon aus den Andenkenläden des Vatikan

Und er regt sich doch:

Der Papst hat sich aufgerafft und für „begründete Einzelfälle“ den Gebrauch von Kondomen als sinnvoll angesehen – als ersten „Schritt zu einer Moralisierung“.

Benedikt XVI. erkennt sogar ein kleines bisschen die Realität an: Sein Beispiel für einen „begründeten Einzelfall“ des Kondomgebrauchs ist ein „Prostituierter“.

Von den Rändern dessen, was für einen Papst überhaupt denkbar ist (denn homosexuelle Aktivitäten sind eigentlich undenkbar, zumal für Geld …), nähert er sich laaaangsaaaam dem, was in der Welt ohne Kirche so alles geschieht. Wenn schon Verkehr ohne Männern, dann soll wenigstens noch ein kleines dünnes Latex-Häutchen zwischen den beiden bleiben. Besser als garnichts. Sei’s drum: Bravo, Joseph Ratzinger, weiter so!

Auch wenn Ratzinger eigentlich damit sagen will, die beiden Männer sollten es lieber ganz sein lassen.

Rigide im bisherigen Dogmensystem bleibt der deutsche Papst jedoch beim Thema Frauen. Nein, die können keine Priester werden, betont er weiter. Schließlich waren die 12 Apostel ja auch alle Männer.

Muss man das noch kommentieren? Die Buchreligion nimmt die gesellschaftlichen Verhältnisse im Nahen Osten vor 2000 Jahren als Vorbild für die heutige Welt und die heutige Kirche. Schlapp ist das.

kath.net oder die Wahrheit

Die österreichische konservativ-katholische Website kath.net hat heute (1. Oktober 2010) eine „Richtigstellung“ ihres Schmähartikels vom 1. September veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine eigenmächtig (entgegen den österreichischen Pressegesetzen) veränderte Gegendarstellung, die ihr der Autor des „Kirchenhasser-Brevier“, Ulli Schauen, der Website geschickt hat. Zwar zeigt der Artikel, wenn man genau liest, dass kath.net wahrheitswidrig berichtet hat. Die katholischen Christenmenschen ziehen es aber vor, dies so zu verändern, dass ihre User bei ihrem Glauben bleiben können. Sie brechen in dem Moment das Zitat ab, als der Autor seine Auffassung ausführt. Nämlich, dass die Doppelfunktion von Priestern als Lehrer und Seelsorger („Hirten“) in katholischen Institutionen Gewalt begünstigt.

Der Originaltext der Gegendarstellung steht hier. Ulli Schauen an kath.net:

„Begehren auf Gegendarstellung

Mit Datum vom 1. September 2010 veröffentlichen Sie auf Ihrer Website kath.net einen Text von Bernhard Speringer unter der Überschrift „Sind Sie katholisch?. Ignoranz, Dummheit oder bewusste Diffamierung des Papstes und der Kirche? Kürzlich hat der Autor Ulli Schauen ein Buch mit dem Titel „Das Kirchenhasser-Brevier“ vorgelegt“. Unter Bezug auf die ZDF-Talksendung „Markus Lanz“ vom 26. August 2010 steht dort unter anderem Folgendes zu lesen:

„Wie aber interpretiert der „Kirchenhasser“ Schauen – er bezeichnet sich auf seiner Website selbst so – diese Worte? Er sieht darin eine „Aufforderung des Papstes an die Priester, die Prügelstrafe zu gebrauchen.“

Dieses Zitat ist unrichtig. Ich habe eine solche Äußerung nicht abgegeben.

Weiter heißt es:

„Auf die Frage von Bischof Laun, der ebenfalls an der Diskussion teilnahm, ob er das wirklich ernst meine, sagte Schauen, dass der Papst das natürlich nicht explizit gesagt hat, aber jeder wüsste ja, was damit gemeint ist…“

Diesen Dialog hat es nicht gegeben. Richtig ist stattdessen: In der betreffenden Sendung habe ich auf die Nachfrage des Moderators Markus Lanz gesagt, dass der Gebrauch des Stockes im übertragenen Sinne gemeint ist und dass die Überhöhung der Rolle des Priesters Gewalt in Abhängigkeitssituationen begünstigt.

(Unterschrift: Ulli Schauen)

Die Gegendarstellung ging auch an das Schweizerische Katholische Sonntagsblatt. Dessen Chefredaktor und Herausgeber Josef Schmid hat sich – entgegen den Schweizerischen Gesetzen – bisher nicht gerührt.

Der kath.net-Artikel vom 1. Oktober

Der kath.net-Artikel vom 1. September

Kirchenhasser.de dazu am 2. September

Die Sendung Markus Lanz vom 26. August 2010


Wann der Klerus lügt

Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, mit Krummstab in modernem Design

Erzbischof Reinhard Marx wird hier nicht der Lüge bezichtigt, aber er trägt auch einen Hirtenstab zum Zeichen, dass er die Laufrichtung für seine Schafherde kennt und sie "gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen" schützen kann. Foto: Dieter Schmitt

Wenn es um die Verteidigung der Institution Kirche und des Papstes geht, ist sich der katholische Klerus offensichtlich manchmal keine Lüge zu schade. Besonderes, wenn es gegen Kirchenkritiker geht, nehmen sie es anscheinend mit dem achten Gebot nicht mehr so genau und geben gerne mal „falsches Zeugnis“. So zum Beispiel Bernhard Speringer, Priester des „Orden der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz“ aus der Nähe von Innsbruck. In einem auch auf www.kath.net wiedergegebenen Leitartikel für das Schweizerisch Katholische Sonntagsblatt legt er Ulli Schauen, dem Autor des Kirchenhasser-Brevier Worte in den Mund, die dieser nie gesagt hat – um anschließend auf den „Pseudojournalisten“ einzuprügeln. (Natürlich ist das mit dem Prügeln hier nur metaphorisch gemeint ;-).

Es geht um die Predigt von Papst Benedikt XYI zum Ende des Priesterjahres am 11. Juni 2010.In seiner Ansprache bittet der Papst lobenswerter weise um Vergebung für den Missbrauch in der Kirche. Andererseits macht er bezeichnenderweise nicht seine Kirche sondern letztlich den „bösen Feind“ – also den Satan – dafür verantwortlich, dass die Skandale ausgerechnet im Priesterjahr ans Tageslicht kamen. Indirekt sind also die Überbringer der schlechten Nachrichten dem „Reich des Bösen“ zuzurechnen. Joseph Ratzinger bekräftigt außerdem in seiner Ansprache die Hirtenrolle der Bischöfe und Priester und fordert sie ausdrücklich auf: „Auch die Kirche muss den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein.“

Ich habe in der ZDF-Talksendung „Markus Lanz“ am 26. August 2010 anhand dieser Stockmetapher darauf hin gewiesen, dass die religiöse Überhöhung der Rolle der „Hirten“ in der katholischen Kirche problematisch ist und Missbrauch begünstigt. Wer andere als blökende Schafsköpfe, sich selbst hingegen in der besserwissenden Hirtenrolle und als Vertreter von Gottes Weisheit sieht, der bringt seine Schäfchen leichter in Abhängigkeit – das System begünstigt auf diese Weise Missbrauch. Die doppelte Abhängigkeit kann in Institutionen wie Heimen und Internaten schlimme Folgen haben.

Auf so eine Aussage lässt sich wohl schlechter einschlagen als auf das, was der Kreuzordenspater Speringer daraus macht: Ulli Schauen, schreibt er, habe in der Rede des Papstes „die Aufforderung des Papstes an die Priester“ gesehen, „die Prügelstrafe zu gebrauchen“. Mitnichten. Dann flicht Speringer noch eine Zwischenfrage seines geistigen Bruders, des Salzburger Weihbischofs Andreas Laun ein, die dieser gar nicht gestellt hat sowie eine Antwort, die ich darauf nicht gegeben habe. Dies deutet darauf hin, dass Laun ihm von der Diskussion aus dem Gedächtnis falsch berichtet hat – nehmen wir das zu Gunsten der beiden geistlichen Herren einmal an. Dummerweise nur für Speringer lässt sich im Internetzeitalter ein solcher Leitartikel leicht als fälscherische Unwahrheit entlarven. Niemand braucht das Gegenteil einfach nur behaupten. Es steht alles online: Speringers Artikel, ein Videoausschnitt der Sendung mit dem betreffenden Dialog sowie auch die Predigt des Papstes zum Abschluss des Priesterjahres am 11. Juni auf dem Petersplatz in Rom. Deshalb hier die betreffenden Zitate und die dazu gehörenden Links.



Bernhard Speringer, ORC laut Kath.net im Schweizerisch Katholischen Sonntagsblatt am 1. 9.2010:

„Wie aber interpretiert der „Kirchenhasser“ Schauen – er bezeichnet sich auf seiner Website selbst so – diese Worte (des Papstes)? Er sieht darin eine „Aufforderung des Papstes an die Priester, die Prügelstrafe zu gebrauchen.“ Auf die Frage von Bischof Laun, der ebenfalls an der Diskussion teilnahm, ob er das wirklich ernst meine, sagte Schauen, dass der Papst das natürlich nicht explizit gesagt hat, aber jeder wüsste ja, was damit gemeint ist…

ZDF-Sendung „Markus Lanz“ vom 26. August 2010:

Lanz: „Herr Schauen, Sie sagen, der Papst hat sich, wenn es jetzt um die Missbrauchsfälle der letzten Zeit geht, nicht entschuldigt, er hat um Vergebung gebeten. Ich meine, das so verstanden zu haben, dass das auch die Opferseite ausdrücklich wünscht, dass man um Vergebung bittet, weil das Dinge sind, für die man sich nicht entschuldigen kann. Weil sie unentschuldbar sind. Sie sagen, der Papst hat sich nicht entschuldigt.“

Schauen: „Nein, das werfe ich ihm nicht vor. Ich finde das gut, dass er um Vergebung gebeten hat, aber man muss diese Rede, die er gemacht hat, am 10. oder 11. Juni, mal ganz lesen, und das ist sehr interessant. Sie ist an Priester gerichtet, zum Ende des Priesterjahres. Die ist an Priester gerichtet und ihre Rolle. Und die werden ja immer Hirten genannt. Hirten – und das andere, das sind dann die Schafe, die nicht so immer Bescheid wissen. Die müssen von den Hirten geleitet werden, irgendwo hin, und die Hirten wissen Bescheid. Und dafür haben Sie dann einen Stab und einen Stock. Und in der gleichen Rede hat der Papst die Hirten aufgefordert, auch mal den Stock zu gebrauchen. Und das ist das Dilemma. Erst mal: Stock gebrauchen ist Missbrauch, auch wenn das jetzt im übertragenen Sinne gemeint ist, mal kurz an die Hinterbacken des Schafes, ja, aber es geht eben in Richtung Gewalt, und es zeigt dieses Höhergestellte der Priester, was eben in Abhängigkeit bringt, gerade in Institutionen wie Internaten, wo dann das Ganze irgendwo…

Lanz: „Sie unterstellen dem Papst tatsächlich die Aufforderung zur Prügelstrafe?“

Schauen: „Ich sage, das System wird der Papst auch …“

Lanz: „In einem metaphorischen Sinne, aber das macht es ja nicht besser.“

Schauen: „Ich sage, das kann dazu führen, ich sage, das begünstigt auch Gewalt. Und es begünstigt, und das sieht man ja auch an den ganzen Missbrauchsfällen, Gewalt, wenn da eine Überhöhung der Rolle eines Lehrers noch mal stattfindet, indem der auch noch Nonne – Lehrerin in dem Falle – oder Ordensbruder ist, und dann auch noch theologisch begründen kann, warum die Kinder jetzt da malträtiert werden müssen, und so war das 1950 bis 1990 …

(hier unterbricht Markus Lanz und leitet zu Bischof Laun über – Schauen kommt im Rest der Sendung nicht mehr zu Wort).

Papst Benedikt XVI: Aus der Predigt zum Ende des Priesterjahres am 11. Juni 2010 auf dem Petersplatz in Rom.

„Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. Neben dem Stock steht der Stab, der Halt schenkt und schwierige Passagen zu durchschreiten hilft. Beides gehört auch zum Dienst der Kirche, zum Dienst des Priesters. Auch die Kirche muss den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein. Heute sehen wir es, dass es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern lässt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen. Zugleich freilich muss der Stock immer wieder Stab des Hirten werden, der den Menschen hilft, auf schwierigen Wegen gehen zu können und dem Herrn nachzufolgen.“

… (an früherer Stelle:)

„Es war zu erwarten, daß dem bösen Feind dieses neue Leuchten des Priestertums nicht gefallen würde, das er lieber aussterben sehen möchte, damit letztlich Gott aus der Welt hinausgedrängt wird. So ist es geschehen, daß gerade in diesem Jahr der Freude über das Sakrament des Priestertums die Sünden von Priestern bekannt wurden – vor allem der Mißbrauch der Kleinen, in dem das Priestertum als Auftrag der Sorge Gottes um den Menschen in sein Gegenteil verkehrt wird. Auch wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, daß wir alles tun wollen, um solchen Mißbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen.“

Rücktritt aus Hochmut (2): Maria Jepsen

Maria Jepsen, Foto: Pittkowski / Nordelbische KircheEs ist fast drei Wochen her, aber die Rücktrittsbegründung der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen geht mir nicht aus dem Kopf: „“Meine Glaubwürdigkeit wird angezweifelt. Von daher sehe ich mich nicht in der Lage, die frohe Botschaft so weiterzusagen, wie ich es bei meiner Ordination und bei meiner Bischofseinführung vor Gott und der Gemeinde versprochen habe.“ Lassen wir mal dahin gestellt, ob sie wirklich vor elf Jahren Missbrauchsfälle in ihrer eigenen Kirche nicht nachdrücklich genug verfolgt hat. Da steht Aussage (allerdings eine eidesstattliche Erklärung) gegen Aussage. Es wäre auch in der evangelischen Kirche nicht das erste  und einzige Mal, dass zugunsten der weißen Weste der Organisation ein Skandal unter den Tepich gekehrt wird. Und glaubwürdig möchten wir alle sein, wenn wir sprechen. Aber warum ist der reine Zweifel an der Glaubwürdigkeit einer Bischöfin schon so ein Makel, dass sie sich zum Rücktritt entschließt? Und warum sagt sie nicht: Kann sein, dass ich versagt habe – und damit kann ich in diesem Amt nicht weiter arbeiten?

Die Antwort: Es geht um den Hochmut einer Kirche, die selbst Makellosigkeit und Reinheit nicht nur anstrebt, sondern von sich selbst behauptet. Diese Institution predigt zwar anderen: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“.  Das aber ist ein Lippenbekenntnis. Sich selbst sehen diese pharisäischen Führungspersönlichkeiten anders. Ich bin (und sei es Dank der Gnade etc. pp.) mehr oder weniger ohne Sünde, oder wenigstens: auf dem Pfad der Rechtfertigung durch den Glauben beschäftige mich ständig mit meiner Schuld, sagen sie sich. Und weil das so ist, erlauben sie sich selbst, „Steine zu werfen“. Zu mahnen, zu predigen – und dabei mit Selbstzweifeln allenfalls zu kokettieren. Solche Pharisäer können mit dem Makel des Versagensverdachtes nicht weiter arbeiten. Deshalb hat Maria Jepsens Rücktritt etwas außerordentlich Hochmütiges an sich.

Noch im Abtreten wirft sie den nächsten Stein. Sie flicht in ein Psalmzitat eine Anklage ein. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg“ – an diesem Psalmvers, meinem Konfirmationsspruch, orientiere ich mich, trotz der Äußerungen in den Medien, die mir Schlimmes unterstellen.“ Soso, die Medien sind es wieder einmal. Köhler, Mixa, Käßmann, Jepsen – immer sind die Medien verantwortlich, und nicht das mögliche Fehlverhalten, über das sie berichten. Es ist verwunderlich: Zur Mimose wird hier eine Frau, die tough genug war, sich als erste lutherische Bischöfin der Welt durchzusetzen – und das in Hamburg, wo es bis 1979 gedauert hat, dass die weiblichen Pastorinnen wirklich gleichberechtigt arbeiten durften (s. Kirchenhasser-Brevier, Seite 248).

Da möchte man meinen,  die Vorwürfe sind berechtigt,und die tönerne Rücktrittsbegründung bloß vorgeschoben.

Der Fall Mixa und das System Kirche

Kleiner Mixa-Mix – Sedisvakanz. Installation von Wolfgang Keller, Mai 2010

"Kleiner Mixa-Mix – Sedisvakanz". Installation von Wolfgang Z. Keller, Mai 2010, Antiker Barocksessel, aufgerichtet, Teppichklopfer, Bischofsschuhe, HBT 91 x 73 x 80 cm

Nicht Bischof  Walter Mixa ist das Problem. Das Problem ist, dass ein feudalistisches System wie die katholische Kirche solche Menschen wie ihn in eine Position bringt, wo sie frei schalten und Unheil anrichten können. Eine Position, aus der ihn niemand anderes entlassen kann als ein einzelner Mann – der Papst.

Dass ein Vorgesetzter seine Untergebenen sexuell bedrängt, wie es Mixa mit mindestens einem Priester getan haben soll – das kommt in vielen Unternehmen vor.  Dass eine Führungskraft die Kasse seines sozialen Projektes für Luxusanschaffungen zweckenfremdet – keine Spezialität der Kirchen. Dass leitende Angestellte Schutzbefohlene mit Worten und Taten misshandeln, wie es Mixa vorgeworfen wird – auch das kommt nicht nur bei den Kirchen vor.

Doch was all den Amtsmissbrauch erleichtert und oft auch verschlimmert, ist die Kirchenhierarchie. Ein Bischof steht in der vierten Hierarchieebene dieser Institution – wovon die beiden ersten – Gott und Petrus dauerabwesend und schweigsam sind. Niemand als der Papst ernennt ihn, nach Konsultationen mit dem Kirchenapparat. Wenn der Bischof erst einmal auf  seinem Stuhl sitzt, dann hat er – allen Diözesanräten zum Trotz – absolute Macht in seinem Bistum. Er ist oberster Gerichtsherr und oberster Arbeitgeber, er erlässt Gesetze und Verordnungen und hat Verfügungsgewalt über die Kasse des bischöflichen Stuhls.  Die staatlichen Gesetze garantieren ihm in seiner Verwaltung absolute Bewegungsfreiheit, der Bischof kann heuern und feuern wie er mag. Mitwirkungsrechte und Transparenz lässt der Bischof zu, wie er mag – und entzieht sie gegebenenfalls auch wieder.

In seinem Reich versprechen höfische Günstlingswirtschaft,  Geraune und Mobbing, Liebedienerei und Falschheit mehr Karrierereerfolg als eine ernsthafte Arbeit „am Weinberg des Herrn.“ Wenn der Bischof ein „guter“, ein „weiser“ Fürst ist, dann fällt seine allumfassende Macht nicht so sehr auf – Laien und Klerus schätzen und verehren ihn. Womöglich lässt sich mit ihm trefflich reden und offen diskutieren. Doch auch ein weiser Fürst bleibt absolutistischer Herrscher. Alles was unter ihm gedeiht, kann sein Nachfolger schon wieder zunichte machen.

Und was können die Leidenden der katholischen Kirche gegen einen Mann vom Schlage Mixas machen? Es bleibt ihnen nichts anderes als Geraune und Anpassung, Larvieren und Nichauffallen. Einen Erfolg versprechenden Kanal für ihre Unzufriedenheit haben die „Schafe“ nicht, die unter einem solchen  „Hirten“ leiden. Sie laufen Gefahr, dass ihnen das Fell geschoren und dass sie geschlachtet werden, wenn es dem Hirten gefällt.

Ganz selten ist es, dass sie – wie nun b ei Mixa – ihre Chance bekommen. Dann aber nützen auch den Untergebenen des Bischofs die Mittel, die sonst ihm zu Diensten stehen: Mobbing und Intrige. Das ist das Tragische am Fall Mixa. Vor über zehn Jahren haben Vertraute aufgeschnappt, wie er angeblich einen Priester im Urlaub homophil bedrängte. Jetzt erst hat diese lange gehütete Information Folgen. Seit langem gilt ein Alkoholproblem Mixas als offenes Geheimnis. Seine Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung haben alle erleben können, die von ihm gelesen haben oder ihn im Fernsehen sahen. Doch so lange der Schein nach außen gewahrt bleiben konnte, blieb Mixa wo er war – ganz oben. Es in der Kirchenhierarchie keine eingebauten Mechanismen der Korrektur.

Bischöfe gelten via Papst als von Gott eingesetzt – wer darf an so einem Gottesvertreter herum  kritteln? Deshalb ist es in letzter Instanz die Bezugnahme auf einen absoluten Gott, der diesem Apparat im Wege steht. Es ist ein dem System Kirche innewohnender, nicht zu beseitigender Fehler.

Ulli Schauen

(Die Installation auf dem Foto wurde im Mai 2010 in Schrobenhausen ausgestellt, dem früheren Wirkungsort des Stadtpfarrers Walter Mixa – zur Website des Künstlers Wolfgang Z. Keller)

Horst Köhler und der universell-gesamtevangelische Rücktritt

Ernst und wortreich: Margot Käßmann und Horst Köhler

Fotos: Agência Brasil / evangelisch.de-->flickr - Montage: Ulli Schauen

Horst Köhler hat auf dem Rückflug von Afghanistan eine rote Ampel übersehen und sich unmissverständlich für Militäreinsätze zur Sicherung von Handelswegen und Wirtschaftsinteressen ausgesprochen. Wofür wir ihm 1,54 Promille in Grundgesetzkenntnis einräumen wollen. Als wir ihn aber richtig verstanden und deshalb kritisierten, war er beleidigt, verwechselte sich selbst mit dem Amt und sah seine eigene psychische Beschädigung als Schaden seines Amtes. Anders als Frau Käßmann allerdings gab er bei seinem Rücktritt kein Schuldbewusstsein zu erkennen.

Die Kirchen bedauern den Rücktritt des beleidigten Politikers. Kein Wunder. Er ist einer von ihnen. Er riecht wie ihre Oberen, er spricht wie sie, er bewegt sich wie sie. In seinem Amt verliebte sich der Ex-Sherpa (Lastenträger/Organisator für Minister) so ins Predigen wie sie. Nicht einmal „Bruder Johannes“ Rau, der Bundespräsident aus dem evangelischen Wuppertal, hatte sich in seiner Amtszeit derart intensiv auf die Seite der Kirchen geschlagen. Seine Reden garnierte Köhler mit Sätzen wie „Dafür bete ich“ und „Gott schütze dieses Land“. Das darf er, wir haben Religionsfreiheit. Aber Köhler hat die Kirchen zuletzt öffentlich zu intensiver Missionsarbeit aufgefordert und damit seine Position als Präsident aller Deutschen – auch der Andersgläubigen und Ungläubigen – verlassen. Manche haben sich schon lange gefragt, ob sie die Anmutung des nun zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler als stockevangelisch oder als stinkevangelisch bezeichnen sollten.

Das Publikum steht auf schuldbewusste Protestanten im höchsten Staatsamt. Aber sie sollten rhetorisch doch mehr drauf haben als Köhler, der statt einer richtigen Begründung in seiner Rücktrittserklärung  einige Sätze zusammenhanglos nebeneinader stellte. Vor allem beim evangelischen Lavieren zwischen Schuld, Sühne und Vergebung, hochmütiger Besserwisserei und demütiger Glaubwürdigkeit erwartet das Volk mehr Routine. So hat folgerichtig der Popstar unter den Protestantinnen, Margot Käßmann, Stunden nach Köhlers Abgang, beim online-Voting des Berliner Tagesspiegel die meisten Stimmen als mögliche Nachfolgerin gesammelt. Mit 36 Prozent führte sie unter zehn KandidatInnen am Morgen danach vor Joschka Fischer (17 Prozent).

Da Frau Käßmann gute Erfahrung im Zurücktreten hat, wäre sie sicher geeignet. Und für ihren Rücktritt als Bundespräsidentin schlagen wir folgende universal-gesamtevangelische Rücktrittserklärung vor, die mit einem Schuss Beleidigtheit garniert ist:

„Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt mit sofortiger Wirkung. Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen Ämtern zurücktrete.
Mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben. Ich danke den vielen Menschen in Deutschland, die mir Vertrauen entgegengebracht und meine Arbeit unterstützt haben. Ich bitte sie um Verständnis für meine Entscheidung.
So manches, was ich lese, ist mit der Würde dieses Amtes nicht vereinbar.
Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie lässt den notwendigen Respekt für mein Amt vermissen.
Es war mir eine Ehre, Deutschland zu dienen. Ich habe all meine Kraft in diese Aufgabe gegeben. Ich bedauere, dass meine Äußerungen in einer für unsere Nation wichtigen und schwierigen Frage zu Missverständnissen führen konnten. Ich danke allen Menschen, die mich so wunderbar getragen und gestützt haben, für alle Grüße und Blumen. Es tut mir Leid, dass ich viele enttäusche.“

(Die Textbausteine dieser Erklärung wurden montiert aus den Erklärungen von Horst-Köhler am 30. Mai 2010 als Bundespräsident und der von Margot Käßmann als evangelische Bischöfin und Vorsitzende des Rates der EKD am 24. Februar 2010.)

Ulli Schauen

Ein Vaterunser für Margot Käßmann

junge Frau in ehrfürchtiger Gebetshaltung

Foto: JR Goleno

Während der katholische abgetauchte Walter Mixa in der Schweiz leise über Schleimbeutelprobleme klagt, ist die evangelische St. Margot Käßmann wieder da. Eine interessante Situation: Während die katholische Kirche mittlerweile schon fast in Sack und Asche geht, könnte man bei den Protestanten mit dem Titel eines alten Bestsellers des Feminismus ausrufen: „Die Scham ist vorbei“.

„Hosianna!“ für St. Margot ruft die Menge der Gläubigen – „Kreuziget ihn!“ für einen störrisch erscheinenden alten Bischof.

Gerade mal 100 Leute finden am Mittwoch, 12.5., Platz in der Buchhandlung Hugendubel am Münchener Marienplatz, wenn sie dort über ihr neues Buch referiert, das sich mit dem Vaterunser beschäftigt. Nit publikumswirksamem Massenauflauf der Ökumene-Schafe ist zu rechnen,

Predigen, Referieren, auf Podien sitzen will sie in der Buchhandlung beim Ökumenischen Kirchentag, aber keine Interviews geben, das hat die ausgenüchterte, aber weiterhin selbstbewusste Ex-Bischöfin laut Süddeutscher Zeitung vor. Ob es damit zu tun hat, dass sie sich schämt? Wohl kaum. Eher hat sie Angst vor Häme und hinterlistigen Fragen. In einem Dankesschreiben an alle, die ihr die 2.600 zustimmenden Mails, Karten und Briefe geschickt haben, hatte sie über unfaire Behandlung der Medien geklagt.

Mixa, der Aufbrausende, ist zum Schweigen gezwungen. Aber die andere Ex-Bischöfin schweigt nicht – sie palavert weiter vor ihrer angestammten Fangemeinde. Beim Ökumenischen Kirchentag wird sie bei genau dem guten Dutzend Veranstaltungen auftreten, für die sie schon als Bischöfin
gebucht war. Welche christlich-protestantische Rolle wird die Alkoholsünderin wohl einnehmen?

Meine Vorhersage für die Buchhandlung Hugendubel am Marienplatz: Käßmanns Botschaft wird eine Mischung aus Demut und Überfliegertum sein: „Ich bin Euer Vorbild, gerade deshalb weil ich zugebe, dass ich auch nichts besseres bin als ihr.“

Sie kann es ja theologisch ausdrücken – mit dem Vaterunser ausdrücken.
– „Wir alle sind auf Gottes Vergebung angewiesen“ (Zeile 7 des Vaterunser, über das Frau Kässmann nun ein Buch geschrieben hat),
– „aber bitteschön: jetzt sollt ihr mir auch vergeben (ich vergebe Euch ja auch)“ (Zeile 8).

Helfen wir ihr, der Versuchung zu widerstehen (Zeile 9), als die St. Margot des Protestantismus wieder aufzuerstehen?
Oder können wir helfen, sie von dem Übel zu erlösen (Zeile 9), in aller Kraft und Herrlichkeit (Zeile 11) ?

Trauer bei Kirchenhasser nach Mixas Rücktritt

Statue einer Trauernden

Foto: Linda Graindourze


Mit großem Bedauern haben Kirchenhasser das Rücktrittsangebot des Augsburger Bischofs Walter Mixa zur Kenntnis genommen. Mixa werde ihm fehlen, sagte „Kirchenhasser“-Autor Ulli Schauen in Köln. Es sei zu befürchten, dass sich womöglich allmählich eine bescheidenere katholische Kirche entwickele – geleitet von Bischöfen, mit denen man ganz normal diskutieren könne und die ihre Institution nicht mehr im Besitz der absoluten Wahrheit wähnten.

Allerdings: „ Auch wenn der Rücktritt von Mixa natürlich ein Rückschlag ist – ich bin zuversichtlich, dass Kirchenhasser auch noch in den nächsten Jahrzehnten, womöglich Jahrhunderten, eine wichtige Rolle spielen können“, sagte Schauen mit Verweis auf die mindestens 1,8 Millionen Kirchenbeschäftigten und auf Legionen von den Kirchen willfährig dienenden Politikern und Kirchenlobbyisten in Kommunen, Land, Bund und EU. Unabhängig davon, wer die Bischofsämter bekleidet, sie außerdem schon ihre schiere Machtfülle kritikwürdig. „Ein weiser König ist und bleibt dennoch König – also ein Anachronismus.“

Mit seinem Rückzug verliere ein großartiges Dreigespann, das MMM-Trio der deutschen Bischöfe (Joachim Meisner, einen profilierten Exponenten, der immer für ein knackiges Kirchenhasser-Zitat gut war. Zuverlässig hat Mixa stets die „Verdunstung menschlicher Werte“ in der Gesellschaft und „aggressiven Atheismus“ beklagt, wenn ein Alois Glück auch nur ansatzweise den Zölibat aufweichen wollte. (Seite 230 des Kirchenhasserbreviers).
Vom Publikum, vom Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks ließ sich „Exzellenz“ gerne devot-unkritische Fragen zu Füßen legen. Er sorgte dafür, dass der Autor Marcus Wegner bei „Menschen bei Maischberger“ ausgeladen wurde, damit Mixa sich nicht öffentlich mit seiner Praxis des Exorzismus im Bistum Augsburg auseinandersetzen musste (S. 85). Seinem Bruder im Geiste Kardinal Joachim Meisner eilte er zur Hilfe, als der Kölner Bischof Prügel bezog wegen seines „Entartete Kunst“-Ausspruchs (S. 255).